Mit 55 brauche ich eine neue Identität - Wie Suchmaschinen das Leben verändern
Google publizierte gerade erst, wie sie die Konten ihrer Kunden zusammenführen wollen, um noch besser den Bedürfnissen der Kunden gerecht zu werden. Alle Informationen, die bei den verschiedenen Diensten des Konzerns erfasst sind, werden gesammelt ausgewertet. Wir Kunden profitieren von präziseren Sucherergebnissen und passenden Werbeanzeigen.
Bestimmte Suchergebnisse werden wir niemals sehen, obwohl sie vielleicht doch für uns relevant sind. Letztendlich wird uns die Entscheidung über die Relevanz einer Nachricht oder Suchergebnisses abgenommen. Oftmals ist dies von Vorteil, wenn die Masse der Ergebnisse bereits vorselektiert ist. So kommt man schneller zum Ziel.
Klar, alles hat Vor- und Nachteile! Entscheidungen zu treffen, ist auch nicht immer einfach. Unnötige Suchergebnisse zu sichten, kostet Zeit und Geld. Auf der anderen Seite schaltet die Suchmaschine damit automatisch bestimmte Bereiche aus, die ihrer Auswertung nach, für uns Nutzer irrelevant sind. Damit erhalten wir nur noch Informationen, die in die gleiche, unsere Richtung gehen.
Bekanntermaßen durchlaufen Menschen Lebensphasen, in denen sich Interessen, Verhalten und Grenzen ändern. So veröffentlicht man als Jugendlicher vielleicht noch seine Partyfotos, während man in der Bewerbungsphase lieber jemand anderes wäre. Ich bin gespannt, wie sich Google über die Jahrzehnte diesem lebensverändernden Verhalten angemessen anpassen will. Die semantischen Rechenmodelle werden ja immer besser, die Rechnereinheiten immer leistungsfähiger und die Anzahl der Messdaten immer größer. Aber das sagen uns die Meteorologen auch. Und sind die Wettervorhersagen jetzt besser als früher? Manchmal ja, manchmal aber immer noch total daneben.
Für Ihr Unternehmen wird Social Media Marketing immer wichtiger. Unter anderem auch, weil Sie so Informationen über Ihre Fans, Follower und Kunden erhalten. Wer hier die Zeichen der Wetterkarte nicht richtig deuten kann, ist möglicherweise schnell einem Shitstorm ausgesetzt. Bekannte Beispiele in der jüngeren Vergangenheit verbreiten sich über die diversen Medienkanäle. Sicherlich bieten bald die ersten Monitoringanbieter valide Lösungen an, die das Zusammenbrauen eines Shitstorm rechtzeitig vorhersagen, um als Unternehmen deeskalierend eingreifen zu können.
Denn auch diese Details zu den Shitstorm-Phasen finden Suchmaschinen - auch noch Jahrzehnte später. Das Internet vergisst nichts! Sie finden heute noch Seiten aus den Anfangszeiten des Webs. Wenn Sie also damals, in jungen Jahren, beispielsweise für Atomkraft waren und dies auf einer Webseite zum Ausdruck brachten, so findet man es heute noch! Auch wenn Sie vielleicht zwischenzeitlich Ökostrombezieher sind und für andere Werte einstehen.
Der Markt für Reputationskorrekturen wird dadurch weiter wachsen. Nicht nur für beruflich relevante Einträge im Internet, sondern auch für persönliche Einträge. Aber das ist noch lange nicht das Ende. Firmen werden zunehmend markenschädigende Einträge korrigieren müssen. Wobei hier keine Meinungsäußerung von Nutzern gemeint ist, sondern dieser Fall beispielsweise: Ihre junge Auszubildende hat in Facebook angegeben, wo sie arbeitet und streitet sich privat mit einer Freundin. Dieser Streit eskaliert, eine Statusmeldung folgt dem nächsten Kommentar, öffentliche Aufforderung zum Löschen von Einträgen, Diskussion über die Löschaufforderung und so weiter. Dummer Streit unter Jugendlichen? Ja, am Anfang vielleicht. Zunehmend mischen sich andere mit in diesen Streit ein. Es entsteht eine regelrechte Welle. Irgendwann schwappt die Welle auch in Ihr Unternehmen. Wie reagieren Sie darauf und vor allem, wie bereinigen Sie diese ganzen Einträge? Ist doch alles Privatsache der Auszubildenden, denkste!
Es gibt kein Privat mehr im Web. Man ist nur noch höchstens einen Klick von Ihrem Unternehmen weg. Siehe dazu meinen Blogbeitrag "Wieviel Privat gibt es im Web überhaupt noch". Strukturen und Regeln in Unternehmen fehlen oftmals noch, wie mit dem Internetverhalten der Mitarbeiter umgegangen wird. Gleichzeitig existiert kein funktionierendes Social-Media-Monitoring als Frühwarnsystem.
Die Reputation des Einzelnen, sein Verhalten und seine Entwicklung tragen in der Summe zum Suchergebnis-Bild Ihres Unternehmens bei. Und so werden wir in nächster Zeit sicherlich noch den einen oder anderen amüsanten menschlichen Zwischenfall im Zusammenhang mit Unternehmen lesen. Vergessen werden wir es Dank der Suchmaschinen auch nicht. Was bleibt?
Es bleibt der über die Jahre gesammelte Eindruck. Altes taucht nicht mehr ab ins Nirvana. Sind Suchmaschinen also nachtragend und geschwätzig? Der Flurfunk der Webgeneration, quasi der digitalisierte Dorftratsch mit Anschluss an die ganze Welt. Er wird uns ewig nachhängen. Uns gnadenlos den Spiegel der Vergangenheit vor Augen halten, auch wenn wir vergesslich werden sollten. Passende altersgerechte Werbung wird uns schon daran erinnern, wie alt wir sind, aber nicht, wie alt wir uns fühlen!
Dann brauche ich mit 55 eine neue Identität, denn ich will keine Best-Ager-Werbung und schon gar nicht für Dritte Zähne oder Gehhilfen...
Wir sehen uns in den Sozialen Netzwerken,
Ihre
Ilka Hoepner


